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Ausgangslage

Sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene existieren Bestimmungen und Richtlinien, die eine Versorgung von besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen herbeiführen sollen. Beispielsweise wird in der EU-Richtlinie 2004/83/EG Flüchtlingen mit besonderer Schutzbedürftigkeit rechtsverbindlich Hilfe garantiert. So ist dort u.a. festgelegt, dass vor allem Personen, die besondere Bedürfnisse haben (wie Schwangere, Folteropfer, Minderjährige, Menschen mit Behinderung, Personen, die Vergewaltigung oder sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben), der subsidiäre Schutzstatus zuerkannt wird.

In Deutschland sieht die Realität jedoch anders aus. Nach dem deutschen Gesetz erhalten Asylbewerber nur bei akuten Erkrankungen medizinische Hilfe. Die Gewährleistung von Psychotherapie ist jedoch lediglich eine „Kann“-Bestimmung und in das Ermessen der jeweiligen Kreisverwaltungen im Einzelfall gestellt. Die Umsetzung der o. g. EU-Richtlinie ist nur für eine Asylbewerbergruppe vorgesehen, die es in Deutschland so gut wie nicht gibt: Personen, die eine Aufenthaltserlaubnis gemäß § 24 Abs. 1 des Aufenthaltsgesetzes besitzen. Das Gros der Asylbewerber wird davon nicht erfasst. Zudem erfordert eine sinnvolle Behandlung psychisch traumatisierter Flüchtlinge eben nicht nur Psychotherapie. Meist sind Dolmetscher notwendig, da wenig muttersprachliche Therapeuten zur Verfügung stehen. Die Psychotherapeuten müssen entsprechende Qualifikation besitzen, niederschwellige Kriseninterventionen – ebenfalls mit Sprachmittlern – sind notwendig sowie flankierende psychosoziale Hilfen.

Diese Hilfen werden zwar von den eingangs genannten Psychosozialen Zentren mit großem idealistischen und zu großen Teilen ehrenamtlichem Engagement geleistet, jedoch ist ihre Kapazität bei weitem nicht ausreichend, den jeweiligen Bedarf bzw. eine flächendeckende Versorgung zu gewährleisten. Bisher tragen sich die meisten Zentren über eine prekäre Mischfinanzierung aus EU-Geldern, kommunalen und Landeszuwendungen bis hin zur UN, anderen Organisationen, verschiedenen Stiftungen, Lottomittel vergebenden Institutionen sowie den Kirchen, den Wohlfahrtsverbänden etc. Natürlich findet auch eine Aufstockung der Mittel durch Spenden und Sponsoren statt, nur sind diese Möglichkeiten wegen der relativ kleinen Unterstützergemeinde begrenzt. Die Anfälligkeit einer derartigen Finanzierung ist offensichtlich und wird sich existenziell nach Rückzug der EU aus der Förderung im Jahre 2010 zuspitzen. Mittel werden selten langfristig bewilligt, so dass laufend nach neuen Geldgebern gesucht werden muss; die dafür notwendigen personellen Aufwendungen gehen der eigentlichen Patientenbetreuung verloren. Auch für diejenigen Flüchtlinge, die bereits einen Anspruch auf Leistungen aus der gesetzlichen Krankenversicherung haben, ist das Verfahren und die Abrechnung derart langwierig und schwierig, dass nur wenige Therapeuten und Klienten letztendlich die Therapiearbeit beginnen können. Darüber hinaus sind nicht ausreichend spezialisierte Trauma-Experten für diese spezielle Zielgruppe vorhanden.

Die Idee zu dieser Kampagne kam uns durch das Beispiel Dänemark, wo durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit eine gute und flächendeckende Versorgung für die meisten Flüchtlinge erreicht werden konnte. Da es derzeit in Deutschland keine politische Vertretung für besonders vulnerable Flüchtlinge gibt und im Aufnahmeprozess kein Verfahren zur qualifizierten Diagnostik der Behandlungsbedürftigkeit durchgeführt wird, ist das Thema in der politischen Debatte kaum existent. Im politischen Alltag fühlt sich demnach kaum jemand verantwortlich für jene Flüchtlinge.